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Birgit Berends-Wöhrl

„Wenn du ein Gedicht schreibst, lauschst du auf alles, nur nicht auf das, was im Moment geschieht. Wie ein Kleid, abgestreifte Schuhe oder eine Haarbürste von etwas Abwesendem sprechen. Oder von etwas, das nicht direkt vor deinem Auge steht.“

 

Dieses Zitat, das von John Berger stammt, steht den Arbeiten von Birgit Berends-Wöhrl sehr nahe: Ihre Rauminstallationen sind nichts anderes als Gedichte ohne Worte. Und wie die Gedichte, die John Berger meint, finden sie Namen für die Folgen des Lebens, nicht für das eigentliche Leben.
Für Birgit Berends-Wöhrl ist die Installation eine „Möglichkeit, innere Prozesse sichtbar zu machen, Zusammenhänge zu erfassen und Unstimmigkeiten aufzuspüren“. Das Wesentliche offenbart sich ihr selten im einzelnen Ding, sondern vielmehr in den Räumen, die sie um ihre Skulpturen wachsen lässt, und in die sie so lange eingreift, bis sich Ordnung und Klarheit einstellen.
In diesem Prozess steht an erster Stelle das Schaffen einer konkreten Skulptur: Ein Kopf, ein Torso, eine ganze Figur. Hände. Haare. Es sind schlichte Figuren aus Holz, Bronzen oder in Stein gehauene Büsten. Es sind Arbeiten, die als gegenständlich zu bezeichnen sind. Ihnen liegt ein genaues Hinsehen zugrunde und ein subtiles Hineinspüren. In ihrer Umsetzung aber sind sie einfach und kühn. Sie beschränken sich auf das absolut notwendige an Form. Der „Engel“ kommt nahezu ohne körperliche Substanz aus, er ist nichts als ein zartes Sichneigen. Die “Demut“ und die „Lauschende“ sind ganz Geste, unabhängig von der Sperrigkeit des Holzes, aus dem sie geschaffen wurden.
So wie aus den beiden auf das Wesentliche reduzierten steinernen Köpfen erst auf einer Art Waage oder Wippe, auf der sie nun miteinander ihre Balance finden müssen, „Die Ehe“ wird, so beginnen auch die anderen Skulpturen erst in den Zusammenhängen, die um sie herum entstehen, ihre verschlüsselten Geschichten zu erzählen, zu Gedichten zu werden. Als stünden sie auf einer Bühne, als seien sie Text eines stummen Theaters, bieten sie uns die Möglichkeit zu assoziieren, uns zu erinnern, unserem eigenen Schmerz nachzuspüren, Trost und Linderung für unsere eigenen Wunden zu finden. Hier geht es um die Folgen des Lebens, die bearbeitet, geordnet, geklärt werden wollen. Die gehäkelten Deckchen, die Arbeitsutensilien vergangener Tage, die abgenützten Möbelstücke, die Steinhaufen und Hölzer, Tische, Stühle, Schubladen, Häuschen – sie alle erzählen von der Mühsal, aber auch vom Glück des Lebens. Welche Zusammenhänge bestehen zwischen ihnen, was haben sie miteinander erlebt? Hinweise geben uns die Titel, einfach, klar beschreibend und trotzdem poetisch. Sie drehen sich um die Realien des Lebens, die immer fragwürdig bleiben werden solange es Menschen gibt: „Mutters Erbe“. „Die Silberputzerin.“ „Trost“. „Demutstropfen“.
„Gedichte sind gegenüber den Tatsachen hilflos“, schreibt John Berger. Skulpturen und Installationen doch ebenso. Aber welche Möglichkeiten eröffnen sich, wenn man sich auf einer anderen, nämlich der künstlerischen Ebene diesen Tatsachen nähern kann: Im Stillen schauen und Frieden schließen mit den Folgen des Lebens. Und trotzdem die Frage stellen, woraus die Tatsachen denn bestehen. Sind sie wirklich so unabänderlich, wie wir meinen?

 

Katja Sebald